„Jeder Zustand, ja jeder Augenblick, ist von unendlichem Wert; denn er ist der Repräsentant einer ganzen Ewigkeit.“
Johann Wolfgang von Goethe

Das Leben ist hier und jetzt. Es ist das einzige, was existiert. Es ist unmöglich, dass irgendetwas außerhalb des gegenwärtigen Augenblicks geschieht oder ist. Alles, was in der Vergangenheit geschah, ist damals im Jetzt geschehen. Und alles, was je in der Zukunft geschehen wird, geschieht dann dort im gegenwärtigen Augenblick. Doch die meisten Menschen leben fast ausschließlich in der Vergangenheit oder in der Zukunft.

Leben in der Vergangenheit

Durch das Leben in der Vergangenheit können wir unsere Identität, unser Ich-Gefühl, also das Ego stärken. Wir schwelgen vielleicht in schönen Erinnerungen an vergangene Erlebnisse, an alle unsere tollen Errungenschaften. Oder es plagen uns Gedanken darüber, wie wir hätten besser handeln können. Wären wir doch bloß nicht an diesem sondern an jenem Ort gewesen! Hätten wir nur das nicht gesagt, sondern uns anders ausgedrückt! Hätten wir doch besser in dieser Weise gehandelt und nicht in derjenigen, die uns zu dem jetzigen Leben geführt hat! Dann wären wir mit unserem Leben bestimmt nicht so unzufrieden, dann wäre unser Leben jetzt wohl viel besser und viel leichter.
Offensichtlich stimmt das nicht.

Leben in der Zukunft

Das Leben, das auf die Zukunft ausgerichtet ist, kann uns mit Hoffnung erfüllen und verspricht uns möglicherweise die Erlösung von allen unseren Schmerzen, Sorgen und Nöten, denen wir momentan ausgesetzt sind. Oder wir befürchten eine Verschlechterung unserer Lebenssituation in der Zukunft. Wir sorgen uns beispielsweise um unsere Gesundheit, unsere finanzielle Situation im Alter oder den Erhalt unserer Beziehungen. Wir glauben zum Beispiel: Wenn wir dieses oder jenes erreicht haben, dann werden wir glücklich sein.
Auch das ist eine Fehleinschätzung. Das Glück kann eben nur im gegenwärtigen Augenblick erfahren werden.

Unsere Beziehung zum Hier und Jetzt

Welche Beziehung haben wir zu diesem Hier und Jetzt, zu dem gegenwärtigen Augenblick?
Viele Menschen weigern sich förmlich, den gegenwärtigen Augenblick anzuerkennen und ihm damit eine Daseinsberechtigung zu geben. Vielleicht sind sie mit ihrer derzeitigen Lebenssituation sehr unzufrieden. Sie sind möglicherweise krank, unglücklich, depressiv, stecken in einer Beziehungskrise oder in einer schwierigen finanziellen Situation. Da mag man das Jetzt gar nicht annehmen. Also sind sie in ihren Gedanken ständig vor- oder rückwärtsgewandt, allein mit dem Vergangenen oder dem Zukünftigen beschäftigt.

Was ist die Zeit?

Zeit und Raum sind relativ. Das hat schon der Quantenphysiker, Albert Einstein, mit seiner Relativitätstheorie herausgefunden und das konnte von den modernen Physikern auch bestätigt werden. Ist Zeit also eine bloße Illusion? Im physikalischen Sinne ist das wohl tatsächlich so. Doch in unserem Leben auf dieser dreidimensionalen Erde können wir natürlich ohne die Zeit kaum existieren. Wir brauchen sie um zu planen, die Dauer von Prozessen einzuschätzen, Termine und Verabredungen einzuhalten und unseren Tag zu strukturieren.
Je mehr wir jedoch in der Zeit leben, desto stärker konzentrieren wir uns auf die Vergangenheit und die Zukunft. Dadurch sind wir alle in der Zeit gefangen. Und so verpassen wir das Jetzt.

Nur der gegenwärtige Augenblick ist real

Alleine in der Gegenwart findet das gesamte Leben statt, nur hier können wir leben und handeln. Unser Leben ist und war immer jetzt. Und für das spirituelle Leben ist dieses Jetzt von immenser Bedeutung. Denn nur über den gegenwärtigen Augenblick können wir den Zugang zum inneren Sein, zu unserem wahren Selbst erhalten. Dieses Jetzt ist der Zugang, das Tor zu der Dimension der Spiritualität.

Der gegenwärtige Augenblick in bedrohlichen Lebenssituationen

Es gibt bedrohliche Situationen im Leben, in denen wir vollkommen gegenwärtig sind. Hier spielen weder Vergangenheit und Zukunft noch die eigene Persönlichkeit eine wesentliche Rolle. Stellen wir uns vor, dass wir in einen Autounfall verwickelt sind oder bei einer Bergtour an einem steilen Hang abzustürzen drohen. Oder wir sind einem Umstand ausgesetzt, wo wir dem Tod oder Sterben eines anderen Menschen begegnen.
In solchen Zuständen gehen wir, ohne dass uns das in dem Moment bewusst wäre, aus der Zeit heraus. Dann sind wir völlig wach und erleben den gegenwärtigen Augenblick ganz bewusst und intensiv. Da handeln wir auch oft ganz intuitiv und auf die richtige Weise. Und der Verstand hat gar keine Zeit dazu, ein Problem daraus zu machen.
Doch können wir auch in unserem alltäglichen Leben in diesem Zustand der Gegenwärtigkeit sein?

Der gegenwärtige Augenblick in der spirituellen Tradition

Schon vor tausenden von Jahren haben spirituelle Meister an den unterschiedlichsten Orten der Welt und aus verschiedenen Traditionen heraus auf dieses Wissen hingewiesen. Der Zen-Buddhismus predigt die Gegenwärtigkeit in einer absoluten Radikalität. Ziel ist es, zu einer absoluten und uneingeschränkten Gegenwärtigkeit zu gelangen. So kann es weder Leiden noch Probleme geben. Hinweise und Ratschläge für das Leben im gegenwärtigen Augenblick gibt es selbst in den Evangelien der Bibel.
Eckart Tolle, der bekannte spirituelle Lehrer unserer Zeit, hat diesem Thema ein ganzes Buch gewidmet. Es trägt den einfachen Titel: Jetzt!

In das Hier und Jetzt eintreten

Um in den gegenwärtigen Augenblick, in das Hier und Jetzt einzutauchen, brauche ich meine bewusste Aufmerksamkeit. Dazu muss ich von den Gedanken an Vergangenheit und Zukunft Abstand nehmen, wenn diese nicht unmittelbar benötigt werden. Immer wenn ich bemerke, dass meine Gedanken sich von den Dingen des augenblicklichen Lebens abwenden, kann ich meinen Verstand bewusst beobachten und korrigieren. In dem Augenblick, in dem ich das tue, bin ich im Hier und Jetzt. Allein in dieser Gegenwärtigkeit kann man die Schönheiten dieser Welt auf einer tiefen Ebene erleben. Dann erst erlebe ich beispielsweise die Stille und Tiefe der Natur, die bezaubernden Landschaften, das Rauschen des Wassers oder den Gesang der Vögel.

Die Selbstbeobachtung

Indem ich mir meiner Gedanken bewusst bin, kann ich mich in der Selbstbeobachtung üben. Dann bin ich nicht mehr das Opfer negativer oder Angst- besetzter Gedanken. Mein wahres Selbst ist mehr als das, was ich denke. Durch diese Übungen kann ein Prozess eingeleitet werden, in dem meine beschränkte Identität niedergerissen bzw. überwunden und in ein größeres Ganzes integriert werden kann. Dann kann man sein wirkliches Leben finden. Jetzt.

Lesen Sie mehr, zu weiteren Methoden, mit deren Hilfe man tiefer in den Zustand der Gegenwärtigkeit eintauchen kann.

Leben im Hier und Jetzt
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